Wolkenkratzer

Seit Jahrhunderten dominierten Schloss-, Tor-, Rathaus- und vor allem Kirchtürme das Bild europäischer Städte. Die industrielle Revolution gab jedoch Impulse für eine neue Entwicklung.

Skelettbauweise als Voraussetzung

Im Jahr 1801 konstruierte der vor allem durch seinen Beitrag zur Vervollkommnung der Dampfmaschine bekannte James Watt ein siebenstöckiges Spinnereigebäude bei Manchester. Dabei setzte er ein gusseisernes Skelett ein. Diese Bauweise wurde in England bereits Ende des 18. Jahrhunderts praktiziert.

Die Einführung und Verbreitung der Skelettbauweise, bei der man allmählich von Gusseisen zu Stahl überging, eröffnete neue Möglichkeiten: Massivbauten konnten durch leichtere, vorgefertigte Teile ersetzt werden, eine beinahe beliebige Flächen- und Höhenausdehnung erschloss neue Gebiete und die Standardisierung führte zu einem bis dahin unbekannten Bautempo. Die Montage des für die erste Weltausstellung in London 1851 errichteten Kristallpalastes dauerte nur 17 Wochen.

Das Bauen eiserner Konstruktionen war nicht immer unumstritten. Der für die Weltausstellung  in Paris 1889 entstandene Eiffelturm erreichte zwar eine für damalige Zeiten unvorstellbare Höhe, aber  in den Augen der Kritiker stellte er kein in das Stadtbild passendes Kunstobjekt dar, es wurden Forderungen nach dessen Abriss erhoben.

Das amerikanische Vorbild

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann man in den Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Bau von Wolkenkratzern. Damit nutzte man die immer rarer und teurer werdenden Grundflächen in den sich rasant entwickelnden amerikanischen Städten. 1885 wurde in Chicago ein 52 Meter hohes Bürogebäude der Home Life Insurance Company vollständig in Stahlskelettkonstruktion errichtet. Nach Chicago und New York eroberten in den darauffolgenden Jahrzehnten in vielen anderen amerikanischen Städten Hochbauten das Stadtbild.

Die europäischen Architekten ließen sich durch die amerikanischen Hochhäuser inspirieren. Die Einstellung zu ihnen war jedoch ambivalent. Einerseits riefen sie als Verkörperung des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts Faszination hervor. Andererseits wurden sie als Produkt des amerikanischen Kapitalismus kritisiert. Auf Ablehnung stießen auch die in den USA üblichen historisierenden Dekorationsformen oder städtebauliche Aspekte wie eine dichte, unkontrollierte Hochhausbebauung. Man befürchtete auf dem alten Kontinent Beeinträchtigungen des historischen Stadtbilds, das in Europa eine längere Geschichte und damit eine längere Bebauungstradition hatte als in Amerika.

Hochhäuser und die deutschen Architekten

In den deutschen Großstädten ließ die Bauordnung eine Bauhöhe von nur fünf Stockwerken zu. Das erste vierzehngeschossige Hochhaus in Deutschland entstand 1915 in Jena aufgrund einer Ausnahmegenehmigung. Ab 1921 wurde in den preußischen Provinzen das Bauverbot für Hochhäuser gelockert.

Die deutschen Architekten grenzten sich von ihren amerikanischen Kollegen ab, indem sie die Wolkenkratzer von „Abbildern des ungezügelten Kapitalismus“ (Ilkosz/Störtkuhl 1997, S. 20) zu, wie Max Berg es ausdrückte, „Tempeln der menschlichen Arbeit“ umwerteten und sich bemühten, ihre Entwürfe den städtebaulichen Gegebenheiten der deutschen Städte anzupassen.

Schlesien nach dem Ersten Weltkrieg

Für das uns interessierende Gebiet Schlesien entstanden nach dem Ersten Weltkrieg eine ganze Reihe von Hochhausentwürfen für Breslau, unter anderem von Stadtbaurat Max Berg, der 1920 seine radikale urbanistische Vision mit hohen Wolkenkratzern veröffentlichte. Allerdings wurden in der niederschlesischen Hauptstadt nur zwei Projekte verwirklicht, das Postscheckamt  – 43 m hoch (1929) – und das dreizehngeschossige Hochhaus der Städtischen Sparkasse (1932) am Breslauer Ring.

Nach der Teilung Oberschlesiens waren die polnischen Woiwodschaftsbehörden auf der Suche nach Repräsentationsformen, die die Sonderrolle dieses Gebiets innerhalb Polens zum Ausdruck bringen und als Symbol der Abgrenzung gegenüber Deutschland fungieren sollten. Hochhäuser als sichtbare Zeichen der zivilisatorischen Entwicklung des polnischen Oberschlesien eigneten sich dafür ausgezeichnet. Die Errichtung der Wolkenkratzer wurde zusätzlich von polnischen Stahlproduzenten unterstützt, die sich neue Aufträge in Krisenzeiten erhofften.

Nicht nur die polnische Seite befrachtete Architektur mit nationalem Symbolgehalt. Bei einem Wettbewerb für ein Geschäftshochhaus in dem zur Freien Stadt erklärten Danzig nahmen mehrere Entwürfe Elemente der Architektur des Deutschen Ordens auf. Die ethnischen und historischen Argumente, mit denen die politisch tonangebenden Kräfte in Danzig ihre Anschlusswünsche an Deutschland begründeten, fanden darin symbolischen Ausdruck.

Letztendlich scheiterten die meisten Entwürfe und Ideen in Deutschland und Polen an pragmatischen Überlegungen und den wirtschaftlichen Verhältnissen der Zwischenkriegszeit. Daher ist der im Jahre 1934 errichtete und bis heute erhalten gebliebene „Wolkenkratzer“ in Katowice ein besonders wertvolles Denkmal jener Zeiten.

Maciej Wąs

Literatur:

  • Beate Störtkuhl: Moderne Architektur in Schlesien 1900 bis 1939. Baukultur und Politik. Oldenburg 2012 (in Vorbereitung).
  • Hochhäuser: das Hochhaus und die europäische Stadt, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.). Bonn 2005.
  • Emil Schaeffner (Hg.): Riesenbauten Nordamerikas. 64 Bauten eingeleitet und erläutert von Frank Washburn. Zürich-Leipzig 1930.
  • Jerzy Ilkosz, Beate Störtkuhl (Hg.): Hochhäuser für Breslau. Delmenhorst 1997.