Tendenzen in der oberschlesischen Architektur 1921–1939

Das deutsche Hindenburg (heute: Zabrze) auf der einen, das polnische Katowice auf der anderen Seite: Das im Versailler Vertrag vereinbarte Plebiszit von 1921 hatte mitten durch Oberschlesien eine Grenze gezogen, die über Nacht ehemalige Nachbarn zu Gegnern erklärte und aus Provinznestern Frontstädte machte.

Zwei Oberschlesien – Eine Antwort

Monumente sollten her, um die Silhouetten der Städte symbolisch in Stellung zu bringen. Gerade in dieser sensiblen Region diente Architektur auch dazu, politische Kämpfe zu unterstützen und nationale Deutungen zu transportieren. Was den Hindenburgern ihr neues Stadtzentrum war, war den Katowicern ihr Parlament und die Christkönigskathedrale; Museen sollten jeweils den deutschen und den polnischen Besitz Oberschlesiens legitimieren. Hier Architektur als Bollwerk, dort Gebäude als Signale der Landnahme. Jedoch: Monumentaler Klassizismus auf beiden Seiten. Wie ähnlich die Architekten links und rechts der Grenze dachten – im Konzert der Nationen mitzuspielen, setzten auch die Polen auf Säulen, Gesimse und Lisenen. Nur die Gotik blieb auf polnischer Seite verpönt, gar als Symbol des deutschen Eroberungswillens untersagt.

Hindenburg: Monumente der Verunsicherung

Während in Katowice eifrig gebaut wurde, verliefen die Planungen für Hindenburg ebenso im Sande wie die für andere Städte auf deutschem Gebiet. Nicht finanzierbar, hieß es aus den Stadtbauämtern. Nur wenige Objekte wie der expressionistische Admiralspalast von Richard Bielenburg und Josef Moser oder die romanisch-monumentale Kirche St. Josef von Dominikus Böhm, konnten verwirklicht werden. Als zwei Seiten derselben Medaille zeugen sie von der Suche nach einem Stil für die „deutsche Seele”. Groß, eindrucksvoll und furchteinflößend, zugleich volkstümlich, schlicht und bodenständig wünschte man die Architektur. Im Kirchenbau zeigt sich im westlichen Oberschlesien die Tendenz zur "Trutzburg". Die Formensprache artikuliert den Wunsch nach Einheit der lokalen Gemeinschaft, die als religiös, aber auch als national verstanden werden kann, und die Hoffnung auf Schutz vor den bedrohlichen Kräften der krisenhaften Epoche. Die Suche nach Halt in monumentalen Formen, die bei aller Nähe zum Neuen Bauen in stilisierter Weise auf das Mittelalter zurückgreifen, verweigert sich dem Pathos des Fortschritts.

Katowice: Monumente einer neuen Zeit

Ende der 1920er Jahre, als in Weimar Gropius' Bauhaus entstand und sich in den USA der Wolkenkratzer durchsetzte, hatten die zumeist jungen Architekten in Katowice genug. Sie wollten Pioniere, keine Nachahmer sein. Ballast abwerfen! hieß die Parole. Ähnlich dachten Teile der Stadtverwaltung und die lokalen Stahlbarone, die Aufträge witterten. Zusammen krempelten sie Katowice mit sachlichen, funktionalistischen Formen um. Pate standen die USA, deren Gesellschaftsmodell als besonders fortschrittlich empfunden wurde und dem polnischen Oberschlesien eine eigenständige, auf Leistung gegründete Identität verleihen sollte. Vor allem im Südwesten der Stadt reihten sich bald die glatten, strahlend weißen Betonfassaden in einer für Europa ungewöhnlichen Dichte aneinander. Um nur einige zu nennen: Das Hochhaus von Stefan Bryła, die Villen von Tadeusz Michejda oder das Wohnhaus der Eisenbahndirektion, wiederum von Michejda, mit seinen markanten Wintergärten, die wie ein Transatlantikdampfer den Weg in die Zukunft weisen. Diese Monumente des Fortschritts und des Optimismus, internationalistisch in ihrem Gestus, überzeugten. So sehr, dass frühere Gegner ihren Wert erkannten: Leon Dietz d'Armas Garnisonskirche und das Schlesische Museum von Karol Schayer stehen für den Versuch, die internationale Moderne vor den Karren der Politik zu spannen, sie zu nationalisieren und im ideologischen Grabenkampf mit den Deutschen zu instrumentalisieren.

Ein schwieriges Erbe

Der Zweite Weltkrieg brach das Experiment Moderne in Oberschlesien gewaltsam ab, obwohl alle Gebäude außer dem Schlesischen Museum, das unmittelbar nach dem Einmarsch abgerissen wurde, den Krieg heil überstanden. Die kommunistischen Machthaber hatten weder Interesse an den Autonomiebestrebungen der Region noch an ihrer eigenwilligen Architektur. Heute liegen die Fassaden unter einer dicken Schicht Kohledreck verborgen. Abgeplatzter Putz, Graffiti, grelle Werbeschilder und Satellitenschüsseln stören das ursprüngliche Erscheinungsbild. Nur die Bauten der klassizistischen Phase, das Schlesische Parlament und die Christerlöserkathedale strahlen hingegen in neuem alten Glanz. Auch heute scheint man mit der Moderne noch keinen Staat machen zu können.

Marianne Wenzel, Toni Jost, Carolin Salomon

Literatur:

  • Brülls, Holger: Neue Dome. Wiederaufnahme romanischer Bauformen und antimoderne Kulturkritik im Kirchenbau der Weimarer Republik und der NS-Zeit, Berlin, München 1994.
  • Störtkuhl: Beate: Von „deutscher Bauart” und „steingewordenen Symbolen polnischer Kultur”. Architektur der Zwischenkriegszeit in Schlesien als Manifestation nationalen Behauptungswillens, in: Deutschlands Osten - Polens Westen. Vergleichende Studien zur vergleichenden Landesgeschichte, Frankfurt/Main 2001, S. 113-147.
  • Szczypka-Gwizada, Barbara: Polish and German concepts in architecture and town-planning in Upper Silesia between World War I and World War II, in: Borders in Art: Revisiting Kunstgeographie, Warschau 2000, S. 221–226.