Oberschlesien – Zeichen der Teilung

Das heute polnische Oberschlesien (Górny Śląsk) durchlebte im 20. Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte zwischen deutscher und polnischer Zugehörigkeit

Wechselnde Einflüsse

Bereits in den früheren Jahrhunderten ist der Wechsel der Oberhoheit und der entsprechenden Einflüsse kennzeichnend für das Land. Im 10. und 11. Jahrhundert zwischen Polen und Böhmen umstritten, wurde es Teil der hochmittelalterlichen polnischen Monarchie der Piasten, die allerdings bald in rivalisierende Herzogtümer zerfiel. Dieser Prozess setzte sich in Oberschlesien fort. Die Piasten, der lokale Adel und die Klöster brachten überwiegend deutschsprachige Siedler, westliche Wirtschafts- und Rechtsformen ins Land. Anders als in Niederschlesien blieben in Oberschlesien jedoch slawisch-polnische Sprache, Kultur und Strukturen bis ins 20. Jahrhundert erhalten. Die politisch schwachen oberschlesischen Territorien gerieten ab 1289 unter böhmische Oberherrschaft. Mit Böhmen wurde Oberschlesien 1526 habsburgisch. Im Ergebnis der Schlesischen Kriege (1740-1763) kam der Großteil Oberschlesiens zu Preußen. Nur die südlichen Gebiete – die Gegenden von Teschen (poln. Cieszyn, tschech. Český Těšín), Troppau (poln. Opawa, tschech. Opava) und Jägerndorf (poln. Karniów, tschech. Krnov) verblieben im habsburgischen Machtbereich. Mit der in preußischer Zeit beginnenden Industrialisierung wurde Oberschlesien mit seinen Steinkohlebergwerken neben dem Ruhrgebiet zu einer der wirtschaftlich wichtigsten Regionen des Deutschen Reiches.

Als Ergebnis der wechselvollen Geschichte lebten hier deutsch- und polnischsprachige Menschen, von denen nur ein Teil im 19. Jahrhundert ein deutsches oder polnisches Nationalbewusstsein entwickelt hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg erhob der wiedergegründete polnische Staat Anspruch auf Oberschlesien und stieß damit auf deutschen Widerstand. Der Versailler Vertrag sah eine Volksabstimmung vor, die 1921 unter alliierter Aufsicht durchgeführt werden sollte.

Drei Aufstände und eine Volksabstimmung

Schon im August 1919 brach von polnischer Seite der Erste Schlesischen Aufstand aus. Ein Jahr später folgte der Zweite. Beide wurden innerhalb weniger Tage von deutschen Freikorps niedergeschlagen.

60 Prozent der Wähler stimmten am 20. März 1921 für Deutschland, 40 Prozent für Polen. Die Ententemächte beschlossen die Teilung der Provinz.

Im Streit um die Grenzziehung brach im Mai 1921 der Dritte Schlesische Aufstand aus. Im Juli zwangen Truppen der Entente und deutsche Freikorps die polnische Seite zum Waffenstillstand.

Die Teilung

Die Teilungslinie wurde 1922 festgelegt. Der östliche Teil des preußischen Oberschlesiens, der trotz deutscher Abstimmungsmehrheit in den großen Städten wie Kattowitz (Katowice) und Königshütte (Królestwa Hora, heute Chorzów) an Polen fiel, bildete innerhalb Polens fortan die autonome Woiwodschaft Schlesien. Gleiwitz (Gliwice), Hindenburg (Zabrze) und Beuthen (Bytom) blieben mit dem größeren Westteil deutsch. Deutschland erhielt mehr Fläche und Einwohner, jedoch war der polnische Teil wirtschaftlich wertvoller. Die Infrastruktur war zerschnitten, so führten z. B. Bahnlinien teilweise durch fremdes Gebiet.

Die 1920er Jahre

In den 1920er Jahren blieben beide Staaten unversöhnlich. Die jeweiligen Minderheiten wurden trotz der Genfer Oberschlesienkonvention mit ihren Minderheiten-Schutzbestimmungen diskriminiert. Hunderttausende siedelten über die nahe Grenze in beide Richtungen in „ihr“ Land um.

Sowohl die neue preußische Provinz Oberschlesien als auch die ebenso neue autonome polnische Woiwodschaft Schlesien erhoben den kulturellen Anspruch, das wahre (Ober-)Schlesien zu sein.

Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg

Nach der Machtergreifung Hitlers kam es zunächst zu einer Annäherung der deutschen und polnischen Eliten. So gab es ab 1933 z. B. Fußballspiele zwischen beiden Ländern. 1934 wurden ein Nichtangriffspakt und ein Presseabkommen geschlossen.

1939 zeigte das nationalsozialistische Deutschland gegenüber Polen sein wahres Gesicht. Der von deutschen SS-Männern inszenierte angebliche polnische Überfall auf den deutschen Radiosender Gleiwitz bildete den Vorwand für den Polenfeldzug, den Deutschland am 1. September 1939 ohne Kriegserklärung und mit äußerster Brutalität begann. Ostoberschlesien wurde wieder ins Reich eingegliedert, ein breiter Saum polnischen Gebiets gleich mit. Die Besatzer erstellten eine Deutsche Volksliste mit vier Kategorien, je nach Nähe zum „Deutschtum“, mit der Privilegien und Chancen nach nationalistisch-rassistischen Kriterien bestimmt wurden und die Loyalität der Bevölkerung erpresst werden sollte. Politische Gegner, insbesondere polnische Patrioten und Gebildete, wurden verfolgt und ermordet, ebenso die oberschlesischen Juden. Auschwitz gehörte zu den angegliederten polnischen Gebieten, die Nebenlager des KZ Auschwitz erstreckten sich über Oberschlesien.

Nach dem Krieg wurde der größte Teil Schlesiens gemäß den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz in den polnischen Staat eingegliedert. Es erfolgte eine Verifizierung der Bevölkerung durch die polnischen Behörden, die Deutsch- bzw. Polnischstämmigkeit beweisen sollte, und die Diskriminierung der Deutschen. Der westlich der Neiße liegende Teil der seit 1815 zu Schlesien gehörenden preußischen Oberlausitz liegt heute in Deutschland, der im 18. Jahrhundert habsburgisch gebliebene Teil Schlesiens gehört heute überwiegend zu Tschechien.

Axel Kriechmus, Maximilian Eiden