Die Idee der „Dreistädteeinheit“

Die Teilung Oberschlesiens als Katalysator für neue Ideen – nicht nur im polnischen Teil schien dies Wirklichkeit zu werden. Auch auf der anderen Seite der Grenze im Deutschen Reich wurden umfassende Baumaßnahmen angestrebt, die ihren Höhepunkt in der Idee der „Dreistädteeinheit“ von Gleiwitz (Gliwice), Hindenburg (Zabrze) und Beuthen (Bytom) finden sollten.

Neue Situation nach 1922

Durch die Teilung Oberschlesiens wurden die für Gleiwitz, Hindenburg und Beuthen verantwortlichen Stadtplaner vor schwierige Aufgaben gestellt. Das Verwaltungszentrum der Region, Katowice, lag nun im polnischen Teil, die drei oben genannten Städte befanden sich plötzlich in unmittelbarer Grenzlage und es setzte ein enormer Zuzug von Menschen aus ehemals deutschen Städten und Dörfern jenseits der neuen Grenzeein. Als Reaktion darauf wurde 1928 ein Projekt präsentiert, dass eine völlige Neuordnung der Region vorsah. Unter der Leitung des Stadtbaurats Paul Wolf wurde ein Entwicklungsplan für diese drei Städte aufgestellt, die sich  in ferner Zukunft als Subzentren um ein neu entstehendes Verwaltungszentrum gruppieren sollten.

Prämissen für die Projektierung

Als Ausgangspunkt für die Planung sahen die Projektentwickler die bestehenden und potentiellen Bergbaugebiete vor. Im Glauben, einen „lebensfähigen Körper“ (Wolf: 16) für das Bestehen der deutschen Gebiete erschaffen zu müssen, galten jene Bergbaugebiete als Grundlage jedweder städtischer Planung und als essentiell für Oberschlesien. Der zweite Schritt der Planung sah vor, Personen- und Güterverkehr anhand der Lage der Gruben auszurichten, um die schnellstmögliche Zugänglichkeit zu gewährleisten. Dabei stellten die drei Städte weitere Ankerpunkte für die Planung dar, da sie selbst als Ausdruck einer „organischen“ Entwicklung der Region gesehen worden.

Ziele des Projekts

Die Entwicklungsstufen der „Dreistädteeinheit“ sahen zunächst vor, eine einheitliche Verwaltung der Städte zu schaffen und parallel laufende Projekte zu bündeln. Bauvorhaben für Museen und Theaterhäuser, aber auch die Energieversorgung waren hierfür beispielhaft. Hinzu kam die Errichtung neuer Wohnsiedlungen, die – dem Konzept eines lebendigen Organismus weiter folgend – von Grünanlagen und Freiflächen umgeben sein sollten. Außerdem sollten neue, repräsentative Stadtzentren errichtet werden, vor allem in Hindenburg, das Anfang der 1920er Jahre nur eine Anhäufung von Siedlungen darstellte. Längerfristig wurde dort die Entstehung eines Stadtzentrums angestrebt, das hauptsächlich verwaltungstechnischer Natur sein sollte.

Kontext des Projekts

Das Projekt der „Dreistädteeinheit“ ist nicht losgelöst von anderen Debatten der Zeit zu verstehen. Durch ihre Grenzlage bildeten die drei Städte in der Vorstellung der Stadtplaner zugleich eine Art Front. Deshalb sollten sie ein „charakteristische[s] und kraftvolle[s] deutsche[s] Städtegebilde“ (Wolf: 27) darstellen. Darüber hinaus blieb das Projekt jedoch äußerste vage. Gerade der Gebrauch des allumfassenden Begriffs des „lebensfähigen Körpers“ verdeutlicht dies. Es bleibt unklar, ob diese Einheit auch Katowice mit einbezog und inwieweit dadurch auch die seit 1922 bestehende Grenze infrage gestellt werden konnte. So vereint die Idee der ‚Drei-Städte-Einheit’ progressive und revisionistische Elemente, eine Ambivalenz, die nicht untypisch für die Zwischenkriegszeit im Deutschen Reich war.

Johannes Gottert

Literatur:

  • Paul Wolf, Das oberschlesische Dreistädtegebiet als städtebauliches Problem, in: C. Schabik / A. Stütz / M. Wolf, Dreistädteeinheit. Beuthen, Gleiwitz, Hindeburg. Berlin, Leipzig, Wien 1929.